Anträge des Sportbundes Hansestadt Greifswald e.V. an den Kreissporttag

Der Vorsitzende des Greifswalder Sportbundes, Bernt Petschaelis, war 14 Jahre ehrenamtliches Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Sportämter, wo er nunmehr als Ehrenvorstandsmitglied weiterhin aktiv ist. In dieser Zeit war er unter anderem Leiter einer Arbeitsgruppe, bestehent aus zahlreichen Vertretern von Sportverwaltungen aller Bundesländer aus Städten zwischen 50.000 und 100.000 Einwohnern. Ein intensiver Erfahrungsaustausch im Rahmen zahlreicher Veranstaltungen auf Bundesebene trug auch dazu bei, die gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen im Land Mecklenburg/Vorpommern kontinuierlich auszutauschen und zu diskutieren.

In der folgenden Betrachtung versucht er aufgrund seiner Erfahrungen den Stellenwert und die Bedeutung der kommunalen Sportverwaltung bezogen auf ein verändertes Sportverhalten darzustellen und geht gleichzeitig  auf die aktuelle Situation in Greifswald ein. Vielleicht regen die folgenden Zeilen zum Nachdenken und zur Diskussion an.

16. Greifswalder Drachenbootfest der HSG Greifswald war erneut ein großer Erfolg

Zur Bedeutung und zum Stellenwert der kommunalen Sportverwaltung bezogen auf ein verändertes  Sportverhalten im Allgemeinen und zur aktuellen Situation in Greifswald

Die Sportförderung in Deutschland wird überwiegend von den Städten, Gemeinden und Kreisen getragen. Kommunale Sportpolitik schließt dabei die gesamte Bevölkerung innerhalb und außerhalb der Vereine ein. Die Sportverwaltungen sind dabei die entscheidende Schnittstelle für alle Belange von Sport und Bewegung, sind doch Sport und Bewegung zentrale Elemente unserer Gesellschaft.

Sportliche Aktivitäten gehören für viele Menschen zum festen Bestandteil des täglichen Lebens. Auch immer mehr ältere Menschen sind aufgrund der sich verändernden Bevölkerungsstruktur sportlich aktiv. Dabei wird deutlich, dass die Mehrzahl aller sportlichen Aktivitäten im privaten Rahmen und sehr oft im öffentlichen Raum stattfinden bzw. absolviert werden. So haben Beweggründe wie Leistungsstreben, Wettkämpfe und Erfolge teilweise an Stellenwert verloren und Motive wie Wohlbefinden, Gesundheit, Spaß, Fitness und Geselligkeit an Bedeutung gewonnen. Damit kann dem Sport in unserer Gesellschaft eine sehr wichtige soziale, integrative und gemeinwohlorientierende  Funktion bescheinigt werden.

Mit dem teilweisen Wandel der Sportnachfrage ergeben sich natürlich auch neue Herausforderungen für die Gestaltung der Sportstätteninfrastruktur. Die Sanierung bzw. den Neubau von Sportstätten schwerpunktmäßig nur nach der Pflichtaufgabe Schulsport auszurichten sollte damit der Vergangenheit angehören. Eine intensive und flexible Nutzung allen Sportstätten für unterschiedliche Nutzer ist anzustreben. Sport- und Bewegungsräume erhöhen wesentlich die Lebensqualität einer Kommune und besitzen damit eine herausragende Bedeutung im Rahmen der Stadtplanung. Die kommunale Förderung und Unterstützung des Sports muss als „freiwillige Pflichtaufgabe“ angesehen werden.

Die Überschaubarkeit im Sport hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten verändert, ist  vielschichtiger geworden und stellt wesentlich höhere Ansprüche auch an die kommunale Sportverwaltung. Kommunaler Sport ist heute nicht mehr „die schönste Nebensache der Welt“, sondern ein Netzwerk und komplexes Gebilde , das durch Kommunalpolitik und Verwaltung aktiv unterstützt und begleitet werden muss. Nicht nur eine eigene Sportentwicklungsplanung gehört dazu, sondern insbesondere eine enge Verzahnung  mit zahlreichen anderen kommunalen Fachplanungen und Fachämtern. Damit besitzt die Sportverwaltung innerhalb der Stadtverwaltung eine wichtige Querschnittsfunktion !.

Die bisherige Betrachtung macht deutlich, vor welchen Herausforderungen die kommunalen Entscheidungsträger stehen. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass sich die Rolle der Sportverwaltungen in den zurückliegenden Jahren verändert hat. Neben dem klassischen Verwalten von Sportfördermitteln, oder der Vergabe kommunaler Sportstätten  hat sich das Aufgabenspektrum auf das aktive Gestalten von Sport und Bewegung erweitert.

Dabei muss insbesondere die Förderung des Schul- und Vereinssports, vor allem durch die Bereitstellung der Infrastruktur, der Unterstützung der Kinder-, Jugend- und Seniorenarbeit sowie die Stärkung des Ehrenamtes wesentlicher Bestandteil sein. Aber auch allgemein zugängliche Sport- und Bewegungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum spielen eine immer größer werdende Rolle.

Mit ihrem Fachwissen bzw. sportintelligentem Fachpersonal (Hochschulabschluss Sport) sollte die Sportverwaltung  den Aufbau und die Intensivierung von Kooperationen zwischen Sportvereinen, Bildungseinrichtungen, Kindertagesstätten sowie Institutionen, die unterschiedliche Sportangebote unterbreiten, unterstützen. So sollten Sportverwaltungen stets auf veränderte Bedarfe reagieren und z.B. auch Sportvereine unterstützen, sofern diese auf ehrenamtlicher Basis einige Dinge selbst nicht leisten können (Fördermittelbeantragungen, Investitionen, Beratungen usw.).

Leider sieht die Entwicklung im zurückliegenden Jahrzehnt in vielen Kommunen ganz anders aus. Vor allem aufgrund von Haushaltskonsolidierungsmaßnahmen entwickelte sich die Sportverwaltung immer mehr zum „fünften Rad am Wagen“. In vielen Verwaltungsstrukturen ist sie kaum noch sicht- bzw. wahrnehmbar. Für die neuen Kreisverwaltungen des Landes M/V trifft dies ebenfalls zu. Nach dem Motto „ Sportverwaltung ist freiwillige Aufgabe und das kann jeder“, wird leider zu oft versucht, vorhandene Strukturen zum Nachteil der Sportverwaltung zu verändern.  Nicht zuletzt wurden klassische und hoheitliche Verwaltungsaufgaben an Sportbünde delegiert. So ist es juristisch äußerst zweifelhaft, dass diese z.B. kommunale Sportfördermittel verwalten und verteilen!

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Wie stellt sich nun die Situation in unserer Hansestadt Greifswald dar ?

In der Kreisstadt mit ca. 20.000 jungen Menschen, 76 Sportvereinen und fast 13000 Vereinsmitgliedern ist der Kreissportbund mit Sitz in Anklam leider nicht mehr vor Ort (einzige Kreisstadt im Land M/V ohne Kreissportbund ). Den über 25 Jahre mit großer Ausstrahlung und Engagement wirkenden Sportbund in Greifswald gibt es in der Form nicht mehr. Mit großer Mühe ist es bis jetzt noch gelungen, die Existenz des Sportbundes der Hansestadt Greifswald e.V. zu sichern. Doch auch der ist aufgrund der vorhandenen materiellen und personellen Ressourcen nur bedingt handlungsfähig.

Das Institut für Sportwissenschaft der Ernst-Moritz-Arndt-Universität wurde 2008 geschlossen.

In den politischen Gremien spielt der Sport nur noch eine untergeordnete Rolle. Der langjährige eigenständige Sportausschuss wurde abgeschafft. Der Vorsitzenden des Ausschusses für Jugend, Soziales und Sport, Dr.Mignon Schwenke, gilt unabhängig davon für ihr Engagement Dank und Anerkennung.

Eine kommunale Sportverwaltung gibt es im Prinzip kaum noch. Die geringe Anzahl von Mitarbeitern sollte in einem Amt konzentriert werden. Dies sind Erfahrungen, die viele Städte gleicher Größenordnung bereits gemacht haben. In Greifswald ist dies nicht so. Eine Zweidrittelstelle wurde kürzlich  dem Immobilienverwaltungsamt (Sportstättenvergabe) zugeordnet und eine halbe Stelle agiert im Amt für Jugend, Bildung, Soziales und Sport (Sportfördermittel). Damit besitzt die Greifswalder Sportverwaltung kaum noch eine Ausstrahlung, ist in vielen Dingen wirkungslos und für den einzelnen Bürger schwer fassbar. Auch innerhalb der gesamten Stadtverwaltung hat die Sportverwaltung  einen relativ geringen Stellenwert, was auch bei internen Haushaltsdiskussionen keine gute Ausgangsposition ist. Nicht umsonst haben uns in den zurückliegenden Jahren viele Städte hinsichtlich der Sportförderung überholt. Hier gibt es einen erheblichen Nachholebedarf  für den Vereinssport, aber auch beim schrittweisen Abbau des hohen Investitionsstaus an kommunalen Sportstätten. Dazu zählen auch die kommunalen Sportstätten, die  von Sportvereinen langfristig gepachtet wurden.

Hinzu kommt, dass aufgrund der unsäglichen und schwer nachzuvollziehenden  Kreisgebietsreform des Landes M/V im Jahr 2011 die ehemaligen kreisfreien Städte als tragende Säulen einer erfolgreichen Sportentwicklung und Leuchttürme des Sports ihrer Regionen an Stellenwert, Ausstrahlung und Leistungskraft verloren haben. Dies bezieht sich insbesondere auch auf die veränderten Strukturen innerhalb der Verwaltungen und des organisierten Sports (Sportbünde), was für den einzelnen Bürger und die vielen Sportvereine oftmals schwer zu erkennen und einzuordnen ist, zumal sich die Strukturen bis heute teilweise weiter verändern und überwiegend auch verschlechtern. Was der Landkreis Vorpommern-Rügen und die Hansestadt  Stralsund in dieser Hinsicht praktizieren, sollte eine grundsätzliche Orientierung  für alle Landkreise sein ! Eine Geschäftsstelle des Kreissportbundes und eine Geschäftsstelle des Sportbundes Hansestadt Stralsund, beide mit hauptamtlichem Personal besetzt, sind eine gute Grundlage für die Entwicklung des Sport in diesem Kreis.

Vor allem aber umständliche, praxisfremde Regelungen und  Verwaltungsabläufe sowie die weitere Zunahme der Bürokratie z.B. bei der Beantragung und Abrechnung von Fördermittel auf kommunaler, Kreis-  und Landesebene führen immer mehr dazu, dass viele ehrenamtlich tätige Sportfreunde resignieren und aufgeben!!! Hier besteht akuter Handlungsbedarf.

 

Fazit:

Obwohl der gesamtgesellschaftliche Stellenwert des Sports gestiegen ist, haben sich dieser sowie die Sportlobby insgesamt in unserer Hansestadt  negativ entwickelt. Der Kreissportbund Vorpommern-Greifswald wird dies nicht ändern können . Um unsere Stadt zukünftig attraktiver und lebenswerter zu gestalten, gilt es möglichst schnell gegenzusteuern. Dazu zählt vorrangig eine Stärkung der Sportverwaltung, um die entstandenen Defizite in den Strukturen des organisierten Sports auszugleichen. Schließlich sind die Sportverwaltungen in den Städten und Gemeinden der zentrale Akteur für alle Belange des Sports und der Bewegung.

Auch die Vereinfachung von Verwaltungsabläufen und der Abbau der Bürokratie bei unterschiedlichen Sportförderungen bzw. Richtlinien  auf verschieden kommunalen , kreislichen und überregionalen Ebenen ( z.B. Ministerien, Landessportbund ) sollte eine vorrangige Aufgabe sein, um damit auch das Ehrenamt zu stärken bzw. zu fördern.

 Alternativ könnte auch der Sportbund Hansestadt Greifswald e.V. Aufgaben, wie beispielsweise die Vergabe von wöchentlichen Trainingszeiten in kommunalen Sportstätten übernehmen. Dies würde einerseits den Haushalt der Stadt entlasten, hätte andererseits aber auch eine Aufstockung der Personalförderung zur Folge. Dies ist – wie die gesamte Einstellung zum Sport in unserer Stadt – jedoch eine politische Entscheidung.

Bernt Petschaelis       

Vorsitzender des Sportbundes Hansestadt Greifswald e.V.